Männerkochbücher: Wie kocht “Mann”?

Ganz so wirklich habe ich “Männerkochbücher” bisher nicht verstanden. Warum braucht die Welt spezifische Männerkochbücher? Einerseits sagt uns das ja nur, dass Kochen im Allgemeinen in die weibliche Sphäre projiziert wird: Kochen ist Frauensache. Abgesehen vom erfolgreichen Sterne-Koch, das ist freilich ein Mann. Komplimente an den Koch. Komplimente an die Köchin. Eigentlich dasselbe, aber zwei verschiedene Bilder. Wozu also nun die Kochbücher für Männer? Kochen Männer anders, vielleicht gar nicht mit Wasser? Oder muss man für Männer anders kochen? Offenbar scheinen sich Küchen, Gerätschaft und Lebensmittel auf radikale Weise zu verändern, sobald “Mann” ans Zubereiten von Speisen geht. “Männlich kochen”, ist etwas dran am “gendered cooking”? Ein Blick in eine Handvoll Kochbücher für “echte Männer” gibt Aufschluss.

Vorweg: Wir sprechen vielleicht von “Kochen”, aber die Begrifflichkeit kann sich in ihrer Bedeutung stärker unterscheiden, als man auf den ersten Blick vielleicht vermuten möchte. Grob verallgemeinert kann man von zwei Arten des Kochens sprechen: einem privaten und einem professionalisierten Kochen. Der Diskurs folgt damit einer Aufteilung der Welt in die Sphären “Privat” und “Öffentlich”, welche in dieser Form in Europa erstmals zu Beginn des 19. Jahrhunderts etabliert wurde.

Privates Kochen bezeichnet dabei das “häusliche” Kochen, das in erster Linie zur Versorgung des Haushaltes dient. Seit dem 19. Jahrhundert wird diese Aufgabe vornehmlich als weiblich konnotiert.
Professionalisiertes/öffentliches Kochen bezeichnet hingegen berufliches bzw. kommerzielles Kochen. Damit verbunden sind Karriere, Erfolg und Ansehen in der Öffentlichkeit. Außerdem ein finanzielles Einkommen – doing Brötchenverdiener eben. Unter anderem aus diesem Zuschreibungen wird professionalisiertes Kochen häufig männlich konnotiert.
Ausnahmen sollen nicht unter den Teppich gekehrt werden, denn auch beim professionalisierten Kochen gibt es erfolgreiche Köchinnen – deren Geschichte und schlicht Zahl im Vergleich mit männlichen Köchen gibt aber Aufschluss, wie sich das Feld des öffentlichen Kochens genderspezifisch zusammensetzt.

Zurück zu unseren Männerkochbüchern. Ein wichtiger Faktor, und deshalb auch der Exkurs zum öffentlichen und privaten Kochen, ist der beabsichtigte Zweck der besagten Kochhilfen. Richten sich diese an Personen, die Zuhause für Familie und Freunde kochen oder im Sternerestaurant den Kochlöffel schwingen wollen? Spezielle Männerkochbücher richten sich offenbar ausschließlich an “private Köche” und nehmen oft schon beim Coverbild Bezug darauf, dass es sich hier um Rezepte für den Mann handelt, der Zuhause kocht. Der Spezialfall “kochender Mann” entsteht über die akzeptierte Vorannahme, dass die Küche die Domaine der Frau sei. Danke, liebes 19. Jahrhundert.

Könnten und sollen Männerkochbücher vielleicht dazu beitragen, für Gleichberechtigungen in den Küchen zu sorgen? Leider kann man den Kochbüchern höchstens einen halbherzigen Willen nach Dekonstruktion von Stereotypen attestieren. Das Minikochbuch “Für Männer: Einfach nur lecker kochen” stellt schon über den Titel keine hohen Ansprüche. Einfach soll es sein, schmecken muss es. Sehr pragmatisch. Die Beschreibung auf der Homepage von Thalia liest sich folgendermaßen:

Das Kochbuch für Schürzenträger
Kochen ist Frauensache? Küchenarbeit ist nur was für Warmduscher? Weit gefehlt! Nicht zuletzt die männlichen Spitzenköche beweisen, dass kochlöffelschwingende Männer ganz hoch im Kurs stehen! In diesem Kochbuch findet “Mann” die richtigen Rezepte für jeden Anlass und jeden Geschmack: Schnelle Gerichte für Eilige, Lieblingsgerichte, die schmecken wie von Mutti, Deftiges für echte Kerle und Angebergerichte, mit denen man beim weiblichen Geschlecht ordentlich punkten kann.
– Alle Rezepte mit anschaulicher Schritt-für-Schritt-Anleitung und brillantem Farbfoto
– Über 100 beliebte Klassiker und Trendrezepte
– Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis

Auf 237 Seiten wird der Schürzenjäger auch noch zum Schürzenträger. Die Kurzbeschreibung geizt dabei nicht mit Klischees. Anstelle der Dekonstruktion von gezielt aufgegriffenen Stereotypen (Frauensache, Warmduscher) wird eben jene professionalisierte, männliche Variante evoziert: der Spitzenkoch. Was sind nun die richtigen Rezepte für “Mann”? Schnell muss es gehen, wie bei Mutti muss es schmecken, deftig ist Pflicht und Frauen beeindruckt man mit Angebergerichten. Wahrscheinlich Spagetti mit Frankfurter-Würstchen….
Atmen wir kurz durch an diesem Punkt und reflektieren dieses Männlichkeitsbild, nämlich das eines gestressten, unter einem Mutterkomplex leidenden, irgendwann an Herzverfettung sterbenden Angebers. Viel Grips wird diesem auch nicht zugeschrieben, denn die “anschauliche Schritt-für-Schritt-Anleitung” mit “brillanten Farbfoto[s]” klingt übermäßig Narrensicher.

Wagt man sich dann noch in das Buch hinein, begegnet man etwas, was ich gerne “verunsicherte Männlichkeiten” nenne. Ein Rationalisierungsversuch nach dem anderen, warum man als Mann kochen soll/muss/darf(?)… 10 Gründe erläutern stichfest, warum Männer und Kochen zusammenpassen.
Nummer 4: Wer am Herd steht, bestimmt. Nummer 6: Kochen macht sexy. Und mein absolutes Highlight – Nummer 10: Der Mann am Herd ist ein Held. Darauf folgt schnell das erste Rezept: der stramme Max.

Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, ob das Kochbuch nicht als Satire zu lesen ist und sich über eine Handvoll Klischeevorstellungen auf witzige Weise verkaufen möchte? Das wäre eine sehr optimistische Perspektive: Haben wir Gender vielleicht ohnehin schon durschaut und setzen es nur mehr als Witz und Karikatur ein? Der Blick auf andere Exemplare der Gattung “Männerkochbuch” lässt die Hoffnung darauf eher schrumpfen – also kein strammer Max trotz Kochanleitung mit brillante Farbfoto[s].

Das “Kochbuch für Männer: Liebe geht auch durch den Magen – Macho Gusto!” lässt abermals den “Schürzenjäger” aufleben. Hier geht es ganz und gar um die Eroberung der Frau durch heiße Kochkünste. Und das scheint über Spezialrezepte exklusiv für Männer zu geschehen. Abermals die Frage: Was macht den Fall “kochender Mann” so speziell? Kocht er feuriger, kocht er bestimmter, kocht er stärker und heldenhafter oder spült die Libido regelmäßig doch die Zutaten vom Tisch? Der kochende Mann bleibt auch hier ein Mysterium hinter einem dichten Nebel aus Stereotypen.

Ein letztes Beispiel noch, dann ist der Testosteronspiegel hier ohnehin jenseits aller bisher gemessenen Werte gestiegen. Auftritt “Das ultimative Männer-Kochbuch”. Nach den bisherigen Exemplaren sind die Erwartungen nun hoch, der Durst nach Antworten groß. Im ultimativen Kompendium sollten sich doch Erklärungen finden!

Kochen ist Männersachen! Das NEUE ultimative MÄNNER-Kochbuch
Es ist da! Einfach, alles in Bildern, Schritt für Schritt, jedes Rezept einfach, klar,
in mehreren Arbeitsschritten, jeder Schritt ein Bild. Angefangen von den Zutaten, portionsweise abgebildet über die Küchenutensilien bis zum fertigen Gericht.
Jeder Schritt mit einfachen Arbeitserläuterungen. Jedes Rezept groß abgebildet über 2-4 Seiten.
Von der einfachen Thunfischpizza bis zum Seeteufel mit Zitronen-Petersilie-Kruste oder gefülltem Backwerk.
Nicht nur für Männer – ABER BESONDERS FÜR MÄNNER! DAS KANN MANN!
Das umfangreiche Kochbuch bietet alles, was man gerne ausprobiert, von Fleisch, Fisch und Vegetarisch bis zum leckeren Dessert.

Während alle “Nicht-Männer-Kochbücher” ihren Fokus in der Regel auf gesunde Ernährung legen, wird hier abermals schmerzlichst deutlich, dass Männerkochbücher eigentlich nur eines sein müssen: idiotensicher oder als Euphemismus “einfach”. Immer gemischt mit einer ausgewogenen Portion Selbstverunsicherungbewusstsein, gut erkennbar an der zu Beginn stehenden Formel, fast schon heiligen Intitulatio: “Kochen ist Männersache!”

Männerkochbücher knüpfen ohne große Überraschung an die gängigsten Klischeevorstellungen von Männlichkeit(en) an. Die Verschiebung des männlichen Kochs aus dem professionalisierten Bereich in den privaten erscheint deutlich als Problemstellung. Denn damit verbunden ist eine Annäherung an eine als weiblich konnotierte Sphäre. Besonders Personen, die durch hegemonialen Männlichkeitsbildern geprägt sind, erfahren dabei oftmals erhebliche Schwierigkeiten. Ein solcher Machtverlust wird dann mittels unterschiedlicher Argumentationsstrategien relativiert. So dient das Kochen dann der Eroberung der Frau oder der Übernahme der Kontrolle in der Küche. So banal, satirisch anmutend und amüsant solche “Männerkochbücher” auch sein mögen, sie zeigen im Kleinsten, wo und wie sich die Angst vor dem männlichen Machtverlust in jedem Bereich unseres Lebens manifestieren kann. Dabei sind Männer in der Küche, im Haushalt – schlicht im alltäglichen Leben – ein wichtiges Element auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Männerkochbücher lassen dies leider weiter als Sonderfall mit “special intentions” (read: SCHNELLER SEX) mehr als fragwürdig dastehen.

Kochen ist nicht Männersache. Kochen ist auch nicht Frauensache. Kochen ist Menschensache, unabhängig von Gender. Wer gerne kocht, muss das nicht mit seinem Geschlecht abklären. Ebenso wer nicht gerne kocht. Bis dahin heißt es: gendered cooking schön weiter dekonstruieren.

 


Titelbild: Tacuina sanitatis (XIV century) (Public Domain)

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