Futter für den Zombie-Elefanten: Historische Akkuratesse

Ich habe mich dagegen gewehrt, denn eigentlich wollte ich dem Zombie-Elefanten keinen Raum bieten. Doch das verwesende Rüsseltier nimmt mittlerweile so viel Platz ein, dass man einfach nicht mehr an ihm vorbei kommt. Also werfe ich nun auch meinen Hut in den Ring. Reden wir über diese “Authentizität” in Videospielen/digitalen Spielen.

Eugen Pfister hat bereits im vergangenen Jahr gut zusammengefasst, worum es eigentlich wirklich geht, wenn man von Seiten der Spieler von Authentizität spricht: gefühlte Authentizität. Und dass diese gerne für nationalistische Interessen instrumentalisiert wird, hält er ebenfalls in seinem Beitrag fest. Es folgten weitere Diskussionen (einmal hier und einmal hier). Jan Heinemann hat nun den vermeintlichen Gipfel der historischen Authentizität “Kindgome Come: Deliverance” analyisiert und die zahlreichen Fallgruben aufgedeckt.

Die gefühlte Authentizität, die von einigen Entwicklern angestrebt und von noch mehr SpielerInnen gefordert wird, ist schlussendlich ein kompliziertes Konstrukt, das vor allem eines sein muss: akkurat. Im englischsprachigen Raum liest man häufiger die Bezeichnung “historically accurate”. Damit ist man dem Problem meiner Meinung nach schon viel näher, als wenn wir uns mit der Authentizität selbst befassen. Denn diese ist letztlich nur ein Produkt, deren Ursprünge uns vordergründig interessieren sollten. Der Fall “Kingdom Come: Deliverance” zeigt, wieso diese Notwendigkeit besteht.

Wie kann ich nun Authentizität attestieren? Ich war vergangenen Sommer in Singapur und durfte dort die lokalen Köstlichkeiten genießen. Zurück in Europa fand ich einige Speisen auf der Karte in so manchem asiatischen Restaurant. Richtig nach “Singapur” schmeckte das ganze aber nicht, es war für mich nicht authentisch. Mit der Ausnahme eines kleinen Teehauses im Nirgendwo nahe der ungarischen Grenze. Denn dort kochte eine Singapurianerin und zwar mit den “akkuraten” Gewürzen. Die Gewürze selbst waren nicht authentisch, sondern sie erweckten lediglich das Gefühl eines authentischen Geschmackserlebnis.
Authentizität ist, um Eugen Pfisters Punkt nochmals zu bestärken, eine Empfindung bzw. ein Erlebnis, das an Bekanntes anknüpft. Digitale Spiele verhalten sich da nicht anders. Persönliche Erfahrungen, und darunter fällt das etablierte Geschichtsbild, das einem von klein an vermittelt wird, dienen als jene Referenz, um Authentizität zu verifizieren. Kollektiven Erinnerungen und kollektiven Gedächtnissen kommen daher eine große Bedeutung zu, den just an diese müssen Spieleentwickler anknüpfen. Verfremdungseffekte, etwa starke weibliche Rollen oder People of Color im mittelalterlichen Setting, treten dahingehend deshalb auf, da es zu Abweichungen von den etablierten Geschichtsbildern kommt, selbst wenn diese schon seit Jahrzehnten von der Geschichtswissenschaft überarbeitet wurden.

Warum macht es nun mehr Sinn, von historischer Akkuratesse zu sprechen anstelle von der historischen Authentizität? Die akkurate Wiedergabe eines spezifischen Geschichtsbildes, sprich die Reproduktion von als “historisch wahr” etablierten Vorstellungen von Klasse, Ethnie, Gender, Nationalität, aber auch Raum und Zeit oder Körper und Geist, erzeugt durch die Anbindung an kollektive (Geschichts-)Erinnerungen den makabren Zombie-Elefanten Authentizität.
Dieser Zugang zwingt uns zudem, die eigene Profession noch kritischer zu betrachten. Denn es sind die Forschungen unserer “Historikerahnen”, auf die sich diese Geschichtsbilder begründen. Im Falle der höchst problematischen nationalen Geschichtsschreibung ist das besonders deutlich. Denn wie in den bisherigen Diskussionen hervorgeht, steht Authentizität häufig in Verbindung mit der akkuraten Implementation von Nationalitätsvorstellungen. So herrscht die “moderne Nation” dann eben schon im Mittelalter und lässt den Nationalitätenstreit Jahrhunderte vorher entfachen, um so in der Wechselwirkung eine verklärte, überholte Geschichtsschreibung schlussendlich im breiten Gesellschaftsdiskurs noch zu intensivieren. Doch allein für die Authentizität ist nicht der Gehalt von “historicher Wahrheit” (falls soetwas existiert) relevant, sondern einzig und allein die akkurate Wiedergabe eines leider allzu fest etablierten nationalistischen Geschichtsbildes.

Verfügt nun ein Spiel über historische Akkuratesse, so bedingt das noch kein Gefühl von Authentizität. Vielmehr gilt es nach dem dynamischen Wechsespiel zwischen Geschichtsbildern, deren digitalier Umsetzung und der Rezeption durch die SpielerInnen zu fragen.


Titelbild: “Die Säugthiere in Abbildungen nach der Natur, Erlangen :Expedition des Schreber’schen säugthier- und des Esper’schen Schmetterlingswerkes 1774-1846. biodiversitylibrary.org/page/31078298

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