Ungleichheiten und Ungleichbehandlung

Ungleichheiten und Ungleichbehandlung gehen nicht Hand in Hand. Obwohl die Worte so ähnlich klingen, unterscheiden sie sich in ihrer Bedeutung massiv. Da dies einigen Politikern, die voraussichtlich in der nächsten Regierung sitzen werden, augenscheinlich nicht klar ist, – oder schlimmer: äußerst klar ist und deshalb instrumentalisiert wird – scheint eine Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang Ungleichheit und Ungleichbehandlung an der Zeit.

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

So beginnt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948. Die Bedeutung scheint uns allen deutlich und klar zu sein. Egal, wo, wie und wann ich geboren werde, jeder Mensch ist frei und gleich an Würde und Rechten. Besonders die Rechte sollen uns hier nun interessieren. Jeder Mensch genießt diesselben Rechte. Diese hier angesprochene Gleichheit bezeichnet eine rechtliche Gleichstellung, die nicht über Diskriminierung wie etwa durch Religion, Herkunft oder Sexualität beinträchtigt werden darf. Genau das ist damit gemeint, wenn wir davon sprechen, dass wir alle gleich sind.

Dieses Gleichheitspostulat wurde nun aktuell gerne mit dem Konzept der Uniformität verwechselt. Uniformität bedeutet die geringst möglichste Abweichung von einer Vorgabe oder Norm. Beim Militär oder der Polizei finden wir dies besonders stark vor: Alle Soldaten ähneln sich aufgrund der Haarschnitte schon und werden, spätestens dank gemeinsamer Kleidung, fast gänzlich uniform. Eine solche Uniformität kann sich auch auf Glaube und Sexualität ausweiten, was jedoch als enorme Transgression gewertet werden muss und nicht Teil einer freien Gesellschaft sien kann. Doch genau einen solchen Anspruch an Uniformität wird von Gegnern der “Ehe für Alle” vorgebracht.

Die Aussagen, die rund um die Öffnung der zivilen Ehe getätigt wurden, erinnern an kritische Phasen in der Geschichte. Die Kirche argumentiert mit Generationenfolge und “Natürlichkeit der Ehe”. Diese Argumente finden sich schon vor 100 Jahren und waren auch davor keine Innovation. Die Ehe, eine kulturelle Verbindung zwischen zwei Individuuen, ist niemals natürlich, da es ein Produkt einer Gesellschaft ist. Salopp gesagt: Schon mal beim Waldspaziergang in die Hochzeit eines Hirsches und eines Rehs geplatzt?
Noch besorgniserregender ist das Argument der Generationenfolge. Diese knüpft auf erschreckende Weise an Eugenikdiskurse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an. Dahinter schwelt ein womöglich noch düsterer Gedanke: Wird eine Generationenfolge, also der biologische Erhalt einer Gesellschaft, zur Maxime erhoben, was passiert dann mit jenen, die sich nicht biologisch fortpflanzen wollen? Kontrollierte und geplannte Verheiratung und Zeugung von biologischem Nachwuchs finden sich als Antworten 100 Jahre in der Vergangenheit. Dass dies im Rassenwahn der Nazis mündete, ist allseits bekannt, soll hier aber der Nachdrücklichkeit wegen erneut ausgesprochen werden.

“All animal are equal. But some animals are more equal.”

Nicht am Anfang und auch nicht am Ende, sondern mitten in der Debatte flüstert dann George Orwell den beutenden Satz aus Animal Farm in unsere Ohren: Alle Tiere sind gleich. Manche Tiere sind gleicher.

Über die Parabel der Farm der Tiere zeigte Orwell auf einfache Art und Weise die Funktion eines totalitären und diktatorischen Regimes. Die rechtliche Ungleichheit zwischen den Tieren ist just dasselbe, was wir beobachten können, wenn die Forderungen geäußert werden, Menschen entsprechend ihrer Sexualität zu hierarchisieren. Homosexuelle und hetereosexuelle Menschen unterscheiden sich in ihrer sexuellen Ausrichtung, dies bezeichnet Diversität. Das darf jedoch auf keinen Fall rechtliche Ungleichheit bedingen. Der Grundsatz “Alle Menschen sind gleich.” muss dies überlagen. Die Öffnung der Ehe ist ein erster positiver und längst überfälliger Schritt dahin.

Ginge es nach den Gegner der “Ehe für Alle”, so steuern wir auf eine verstärkte Heteronormativität zu. Eine beängstigende Entwicklung auch für Männlichkeiten, die sich diesem Hegemonial gegenüber kritisch zeigen. Der Versuch, der hier zum Zuge kommt, ist eine totalitäre Gleichmachung des Geschlechts “Mann”, eine Ausradierung von Diversität und Einengung von Handlungs- sowie Lebensräumen. Die Angriffe von rechts und von der Kirche belegen bereits die Bemühungen, Männlichkeitsvorstellungen auf den Bereich der Heterosexualität zu limitieren. Orwell hätte es wohl so formuliert:

“Alle Menchen sind gleich. Aber heterosexuelle Menschen sind gleicher.”

Einer solchen Entwicklung muss nachdrücklich Einhalt geboten werden.

(Featured Image: Be True Be You – DC Gay Pride Parade 2012 by Tim Evanson https://www.flickr.com/photos/23165290@N00/7356273952/)

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